Menu Close

Geriatrifizierung

Geriatrifizierung

Ich liebe meine Wohnung. Ich sitz gern drin, und guck gern raus, Balkon, drumherum Weinberge – die sind ein bisschen weiter weg, liegen noch ein paar Häuser dazwischen, aber dann doch nah genug, dass ich die Traktoren hör, wenn sie alle Jahre wieder irgendwelches Pflanzengift auf die Stöcke regnen lassen.
Weshalb ich im Frühjar nie in den Weinbergen jogge. Und seitdem auch nur noch Ökowein kaufe.
Gut, Alkohol ist eh ein Nervengift, da macht ein bisschen Pflanzenschutzmittel nix aus –
aber HALT -ich vergaloppier mich grad total:)
Not the Thema.

Ich guck also aus dem Küchenfenster, was öfters vorkommt, weil Waschbecken und Schneidefläche am Fenster sind. Ja, und Katzenfutterplatz! Günther und Tilda nehmen das Frühstück gern mit Panoramablick ein, tatsächlich!
In der Weite also die Weinberge.
In der Nähe – das Haus gegenüber. Nicht weiter dramatisch, da liegt ne Strasse dazwischen und auf den Balkonen war nie groß was los ( gut , außer dem Besoffenen, der mal am Silvesternachmittag hackedicht und splitterfasernackt Raketen in meine Richtung abgeschossen hat ) .
Bis jetzt.
Die Wohnungen ( Stadtbau?) wurden von Grund auf neu saniert, zwei der Mieter sind wohl geblieben, der Rest wurde ausgewechselt.
Ja, was soll man sagen. Seitdem hält die Kittelschürzenfraktion Einzug.
Kittelschürzen sind wohl für ältere Damen das, was heute die Wellnesspants oder die Wohlfühlhose für dahemm sind.
Und sie sind überall. Sie ploppen aus allen Balkonen.
Gut, die Balkone sind jetzt ein bisschen bunter, da blüht auch schon mal ne Geranie.
Und vor allem sitzt da ne Kittelschürze rum, und so eine Kittelschürze ist ja eben auch meistens schön bunt. Was ja eigentlich schön fürs Auge wäre. Aber irgendwie – da sitzen sie und gucken, manchmal zupfen sie auch an der Geranie. Mich irritiert das.

Eine der Kittelschürzen hat auch noch nen Gatten auf dem Balkon sitzen. Meistens in der kurzen Büx. ( Nein! Letztens sah ich ihn nackig durchs Zimmer gehen. Er sah genau wie ein Loriot-Männchen aus!) Der tut noch weniger als so eine Kittelschürze. Der hängt nur überm Balkon. Der macht nix. Nada. Nur gucken. Bei der kleinsten Aktivität auf der Strasse hängt er überm Geländer. Ab und an sehe ich , wie seine Frau im das Essen hinschiebt, und dann das leere Tellerchen wieder mitnimmt.Die macht noch am meisten von allen, die bügelt und dann raucht sie mal eine.
Ja, und gestern saß sie tatsächlich auf dem Balkon unter einer Trockenhaube, rauchend. Ich war fasziniert.
Die Dinger gibt’s noch! Direkt vor mir!
Ist das denn nicht gefährlich, wenn man so ein Ding auf dem Kopf hat, und dann raucht?
Kann da nix explodieren?
Ich meine, das ist ja immerhin sowas wie ein MiniaturHeissluftBallon.
Und dann tauchte so ein Bild vor mir auf – lauter ältere Damen, die an ihren kleinen Trockenhauben hängend, in der Luft schweben. Bezaubernd.

Ja. Das passiert jetzt in meinem Stadtviertel.Die Gentrifizierung wird zur Geriatrifizierung.
Den einen Vorteil hats ja angeblich.:
Ein Kriminologe aus Hannover hat festgestellt, dass die „Vergreisung der Republik die innere Sicherheit enorm fördert.“ Wenn mit innerer Sicherheit gemeint ist, dass mir mein Handtäschchen nicht entrissen wird, oder ich vom Fahrrad geschubst werde – gut.
Meine innerste innere Sicherheit dagegen ist zutiefst verunsichert. Ich will nicht am Küchenfenster stehen und das Gefühl haben, dass die Kittelschürze von gegenüber mitkriegt, was ich in meinen Salat tue, oder ob Tilda & Günther heute mal Felix statt Whiskas kriegen.
Und sobald man auf der Strasse ist – praktisch dauernde Überwachung.
Prism in my Street.
Ein ganz ganz unangenehmes Gefühl, das.
Ich warte ja schon druff, dass der Alte demnächst mal anfängt , Abmahnungen vom Balkon runterzubrüllen.
Hoffen wir mal für ihn, dass es dann nicht mich trifft:)